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Texte

  • Curriculum vitae natandi

    Curriculum vitae natandi

    Ich habe auf der Rethelstraße schwimmen gelernt.

    Wenn sich bei diesem Satz die Mundwinkel meines Gegenübers nach oben bewegen, dann kommt er aus Düsseldorf. Oder er ist einer der Sehr wichtigen Personen, die sich im auf dieser Straße unter der Nr. 26 ansässigen VIP-Club auskennen. Aber in der Tat befindet sich unter der Adresse Rethelstraße 13 auch eine Schule, die ein Lehrschwimmbecken beherbergte. 

    Und in diesem habe ich im zarten Alter von 6 Jahren schwimmen gelernt. Ein Becken von zwölfeinhalb Metern Länge, in dem man auf weißen Schaumstoffbrettern erst Bein- und dann Armzüge lernte, wurde dabei jeden Dienstag Nachmittag durchpflügt. Große Erinnerungen habe ich nicht mehr an die Zeit, doch weiß ich noch genau, wie mich der Wechsel aus der Gruppe der blutigen Anfänger zu den Fortgeschrittenen mit Stolz erfüllt hat. Ein kleiner Sprung für einen kleinen Kerl, ein großer in Richtung Erwachsenwerden. Wohlgemerkt, im Lehrschwimmbecken, nicht im Whirlpool der Escort-Damen ein paar (Haus-)Nummern weiter. 

    Und nach erfolgreich absolviertem Kurs stand ich endlich auf eigenen Flossen und durfte mich jenseits der roten Leinen tummeln, die Schwimmer vom niederen Nichtschwimmvolk trennten. Die ersten Meriten habe ich mir dabei nicht etwa im Wellenbad sondern auf auf der Kettwiger Straße erworben. Die dortige Schwimmhalle trug den Begriff Halle zu recht. Es waren die Sommerferien 1969. Das Bad mit seinen Umkleidekabinen auf einer Balustrade, von der man hinunter in das Schwimmbecken schauen konnte, wirkte auf mich damals schon Jahrhunderte alt. Das Becken war zwar tief, aber der Wasserstand selbst so angelegt, dass man kaum über den Beckenrand hinaus schauen konnte. Die hohe Decke ließ das Bad wie eine Kathedrale wirken, die Ehrfurcht einflößte. 

    Und hier sollte ich also 15 Minuten ohne Festhalten schwimmen, um das Freischwimmerabzeichen zu erlangen. Ein wenig schlotterten mir die Knie, als ich ins Wasser stieg. Auf den Pfiff des Bademeisters hin ging’s los. Leider verschwand das Grummeln in der Magengegend dadurch nicht. Und als ich nach 10 Minuten eine Ladung Wasser verschluckt habe, musste ich mich kurz an der Überlaufrinne festhalten. Vorsichtig nach oben schauend, sah ich den Mann in den blauen Badelatschen in die andere Richtung blicken. Also schwamm ich weiter als sei nichts gewesen und hielt bis zum Ende der viertel Stunde durch. Der anschließende Sprung vom Einmeterbrett war kein Problem. 

    Trotzdem, das Abzeichen aus Stoff mit der blauen Welle, das fortan meine Badehose zieren sollte, nahm ich mit leicht schlechtem Gewissen entgegen. Ich glaube nur die Tatsache, dass ich am Tag drauf die Prüfung zum Fahrtenschwimmer (30 Minuten Schwimmen plus Sprung vom Dreier) ohne die kleinste Schummelei hinter mich brachte, hat mich zu der Überzeugung geführt, auch das erste Abzeichen irgendwie doch zurecht tragen zu können. 

    Das Bad an der Kettwiger Straße habe ich nie wieder betreten. Im Nachhinein schade. Zuletzt habe ich es in einem Düsseldorfer Tatort gesehen, in dem Kommissar Flemming mit Herrn Ballauf und der kuhäugigen Miriam Koch ermittelt haben. Dann wurde es abgerissen und an gleicher Stelle das Spaßbad Düsselstrand errichtet. Nochmals schade. 

    Mit dem Wegzug aus Düsseldorf ließ auch meine Schwimmtätigkeit nach. Erkrath hatte 1970 kein eigenes Schwimmbad und der Weg in die Bäder der Nachbarschaft wurde nur seltenst angetreten. Das änderte sich, als das Schulschwimmen auf den Lehrplan kam. 

    Ein ganzes Jahr lang wurden zwei sechste Klassen samstags nach der zweiten Stunde per Schulbus nach Gerresheim gekarrt, um richtig schwimmen zu lernen. Richtig heißt in diesem Fall, beim Schwimmstoß Kopf nach vorne ins Wasser nehmen, dort ausatmen und erst zum Einatmen wieder nach oben kommen, wenn man die Arme nach hinten zog. 

    Wehe, wer das nicht fertigbrachte. Der kam direkt in Leistungsgruppe vier. Vier von vieren. Der Ton des Schwimmlehrers hatte dabei einen schneidigen Kasernenton. Der flößte nicht Respekt, der flößte Angst ein. Und obwohl ich immer den Kopf brav ins Wasser nahm, stellte er bei mir doch einen Fehler in der Fußstellung fest. Fußfehler bedeutet Gruppe drei. Auch nicht viel besser. Zumal die relativ klein war und man sich so nicht in der Masse verstecken konnte. 

    Das Schwimmbad war zugig, das Wasser kalt, die Stimmung eisig. Kein Wunder, dass in diesem Jahr der schönste Moment des Wochenendes die Busfahrt zurück nach Hause war. Trotzdem muss es mir in der Zeit gelungen sein, den Jugendschwimmschein zu erwerben. So steht es zumindest in dem Pass, den ich noch jahrelang in irgendwelchen Dokumentenkisten von Wohnung zu Wohnung trug, ehe sich seine Spur beim vorletzten Umzug verlor. Das zugehörige Abzeichen mit den drei blauen Wellen habe ich mir auch nicht mehr auf die Badebuxe sticken lassen. 

    Das Gerresheimer Schwimmbad ging traurigen Zeiten entgegen. Gegen die rückläufigen Besucherzahlen versuchte man noch durch den Anbau einer langen Röhrenrutsche, die aus der Schwimmhalle heraus führte und in mehreren kurvigen Windungen den Benutzer schließlich wieder ins Becken gleiten ließ, anzukämpfen, aber das hat den Tod des Schwimmbads nur etwas hinaus gezögert. Heute ist es abgerissen. Ich weine ihm keine Träne nach. 

    Ganz hat mir das Schulschwimmen das kühle Nass aber nicht verleidet. Irgendwann bekam auch Erkrath sein Schwimmbad und damit einen Schwimmverein, in dem ich kurzerhand angemeldet wurde. Bleibend war der Eindruck vom Vereinsschwimmen allerdings nicht. Dass mir dort mein erstes Rennrad, ein teures, selbst zusammengespartes, gelbes, mit 10-Gang-Kettenschaltung, geklaut wurde, trug auch nicht zu positiven Erinnerungen bei. Dann schon eher das leckere Zigeunerschnitzel mit Pommes, das ich von meinen Eltern ab und zu in der angeschlossenen Gaststätte spendiert bekam. Aber der Knacks zum Hallenschwimmen war dadurch nicht mehr zu kitten. 

    Freibäder dagegen sind nach wie vor anders. Der Bezug dazu ist schon früh hergestellt worden. Alleine in drei Kinder-Fotoalben gibt es die Rubrik: Ein Abstecher ins Strandbad nach Holland. Die Formulierung ins, bzw. in das, ließ mich lange Zeit glauben, es gäbe nur dieses eine bei unseren Nachbarn. Und das muss den leuchtenden Augen zufolge Spaß gemacht haben. 

    Genau wie das Rheinstadion mit seinen vielen Becken für Schwimmer und Spaßbader. Beeindruckt hat mich dabei immer der 10-Meter-Turm. Einmal im Leben dort runter zu springen, war mein Traum. Der ist es bis heute geblieben. (Vor 4 Jahren habe ich es zumindest mal vom 7,5-Meter Brett geschafft. Das hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass ich den 10er in diesem Leben wohl besser nicht mehr ausprobiere.) 

    Das schönste Freibad zu Jugendzeiten war jedoch der Unterbacher See. Nordstrand, versteht sich. Das hatte was von Urlaub, so über Sand ins Wasser zu kommen anstatt über sterile Kacheln. Man konnte zum sogenannten Kreuz schwimmen, einer Holzplattform, die mitten im Schwimmerbereich verankert war, und auf der man sich hätte sonnen können, wäre sie im Sommer nicht ständig überlagert gewesen. 

    Dann doch lieber raus zum letzten Balken schwimmen, der den Schwimmerbereich von den Segel- und Ruderbooten trennte, und sich rittlings darauf setzen, um im jugendlich-pubertären Imponiergehabe Positionskämpfe mit den Freunden auszufechten. Alles nur, um den Mädels zu gefallen. Und als die einmal mitrangelten und sich dabei für Bruchteile einer Sekunde ein Bikinioberteil ganz unschuldig verschob, da hätte sich fast der Kreis zum Beginn der Schwimm-Karriere geschlossen. Aber nur fast. 

    Peter Löhr, 2011

    Der Text war bereits 2011 auf der crossmedialen Plattform OPINIO der Rheinischen Post als Teil 3 (m)einer Schwimmbad Trilogie veröffentlicht.

    Teil 1: Grünstraße
    Teil 2: Wasserspiele

  • Wasserspiele

    Wasserspiele


    Schwimmen gehörte lange Zeit nicht zu den bevorzugten Varianten zur Erhaltung meiner Fitness. Schwimmbäder mit dem sterilen Charme der 50er Jahre, Chlorgeruch und vor allem zu kaltes Wasser haben zu dieser Abneigung geführt. Außerdem kann man als Kurzsichtiger ab einer gewissen Dioptrienstärke ohne Brille nichts mehr erkennen, irrt orientierungslos durch die gekachelten Flure und kann froh sein, nicht plötzlich in der Damendusche zu stehen. 

    Wenn nun aber die bevorzugte Sportart notgedrungen für längere Zeit nicht mehr ausübbar ist, muss man sich nach Alternativen umschauen. Und wenn das örtliche Hallenbad fast vor der Haustür liegt, ist der Gedanke ans Schwimmen nicht fern. Die Wassertemperatur von 28°C senkt zusätzlich die Hemmschwelle. Der kindliche Spaß am Nass kommt langsam wieder zurück. 

    Ganz famos ist aber für den eingangs erwähnten Kurzsichtigen der Einsatz einer Chlor- oder Schwimmbrille. Ist man bis zum Beckenrand noch fast blind und tastend unterwegs, bringt der erste Schwimmzug unter Wasser ein erstaunliches Aha-Erlebnis. Die Welt ringsum wird plötzlich schärfer. Chlorbrille und Wasser führen offenbar zu einer Art Korrektur der Fehlsichtigkeit. Jedenfalls erscheinen die Linien auf dem Grund des Schwimmbeckens in einer bislang nie erwarteten Klarheit. 

    Und so wird insbesondere an sonnigen Herbsttagen, wenn man seine Bahnen zu der großen Panoramascheibe hin zieht, am blauen Himmel die Sonne auf die herbstlichen Blätter des angrenzenden Parks scheint und ihre Strahlen sich an der Wasseroberfläche brechen, der Schwimmbadbesuch zu einem wahren Naturereignis. 

    Gesteigert wird dieser optische Genuss durch den eigenen Armzug. Der erzeugt Luftbläschen unter der Wasseroberfläche, die in der Sonne wunderbar glitzernd tanzen. 

    Schön! 

    Fortan geht das Auge weiter auf Entdeckungsreise. Weniger die mehr oder weniger attraktive Badebekleidung der Mitschwimmerinnen steigert dabei den Forschungsdrang als vielmehr dort links diese feine Schliere, die freischwebend im Becken ein beeindruckendes Spiel mit Licht und Farben liefert. Und da, beim nächsten Armzug halbrechts, dieser bersteinfarbene Partikel, hat der nicht etwas majestätisches, wie er so durchs Wasser treibt? 

    Doch Moment! Schliere? Partikel? Wo kommen die her? Das wird doch wohl nicht der Schnodder dieses Wasserflohs sein, der vorhin in der Nachbarkabine so herzhaft nieste. Und ob die Farbe des Schwebeteilchens wirklich Bernstein ist oder nicht doch Hornhaut-Umbra, wer weiß das schon. 

    Aber bevor die negativen Gedanken von mir Besitz ergreifen können und ich nach weiteren sinntrübenden Elementen suche, springt eine Badenixe vom Dreimeterbrett und erzeugt beim Eintauchen schräg vor mir eine wahre Explosion feiner Bläschen. Die schwirren im Sonnenlicht so ästhetisch umeinander, dass die Vorstellung von Fremdschwebekörpern schnell weiterzieht. 

    Nur als ich nach der Wende den Kopf zum Luftholen seitlich aus dem Wasser drehe, da schwappt mir die Welle des entgegenkommenden Rückenkraulers in den Mund und ich überlege, ob der Mensch wohl als Partikelfilter taugt. 

    Text: Peter Löhr, 2011
    Foto & Motiv: Georg Neudecker 2021 

    Der Text war bereits 2011 auf der crossmedialen Plattform OPINIO der Rheinischen Post als Teil 2 (m)einer Schwimmbad Trilogie veröffentlicht.

    Teil 1: Grünstraße
    Teil 3: Curriculum vitae natandi


  • Grünstraße

    Grünstraße

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    ~~~~~~ Achtung, Achtung! ~~~~~
    ~ 
    ~~~ In fünf Minuten beginnt ~~~ 
    ~~~ der Wellenbadbetrieb ~~~
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Lasst uns heute zur Grünstraße fahren!

    Bei diesem Satz meiner Eltern hüpfte mein Herz. Denn Grünstraße war das Synonym für Wellenbad. Und Wellenbad war Abenteuer.

    Dieses Schwimmbad zwischen Kö und Berliner Allee war was ganz Besonderes. Klar, vor allem wegen der Wellen, das sagt der Name ja schon. Aber auch sonst war der Besuch dieses Bades eine Reise durch die halbe Stadt wert.

    Schon dieses dominante Knäuel aus Eisenstangen, das über dem Eingang hing, flößte Ehrfurcht ein. Auch wenn ich noch klein war und mit Kunst nichts am Hut hatte, ich spürte, dass es das Gebäude zu etwas Einzigartigem machte.

    Noch bevor man für 1,20 DM die Eintrittskarte am Automaten zog, drang einem im Foyer  schon der typische Schwimmbadgeruch in die Nase, der (damals noch) die Vorfreude steigerte. Das kleine Stück starker Pappe ließ man dann bei der streng dreinschauenden Dame im weißen Kittel, die in einer gekachelten Bude saß, abstempeln und erhielt den Schlüssel für den Spind.

    Treppe hoch, geschwind umgezogen und wuselflink ab durch die labyrinthähnlich angeordneten Gänge geschossen. Treppab-/treppauf, rechtsrum, linksrum, durch die Duschen, endlich in die große Halle.

    Vorsichtig die breite Treppe Schritt für Schritt herunterkletternd, sah man das riesige Wellenbecken vor sich. Das war im vorderen Teil ganz flach, so dass sich die Wellen brechen konnten und langsam ausliefen. Da machte es besonderen Spaß, sich dicht an den Beckenrand zu setzen und die Gischt ins Gesicht klatschen zu lassen.

    Demzufolge versammelten sich die kleineren Wasserraten „im Flachen“, so bald aus dem Lautsprecher die Stimme mit dem Satz erklang:

    Achtung, Achtung! In fünf Minuten beginnt der Wellenbadbetrieb.

    Fünf Minuten konnten lang sein. Und als sie endlich ‚rum waren und die Wellen zunächst sanft und in der Folge immer stärker anrollten, gab es kein Halten mehr. Ein Juchzen aus vielen Kehlen hallte durch die Halle.

    Später, als man die Meriten eines Schwimmers, sogar in der Ausprägung Frei und Fahrten, erworben hatte, durfte man auch jenseits der roten Leine schwimmen, die Schwimmer von Nichtschwimmern trennte. Das war dann noch mal eine ganz andere Nummer. An die vier Meter tief war das Wasser dort. Das alleine war schon abenteuerlich, doch der Wellengang „im Tiefen“ steigerte dieses Gefühl noch einmal. Gejuchzt wurde hier weniger, um nicht zu viel Wasser zu schlucken, aber es wurde kräftig die Wellenberge hoch geschwommen, um sich auf dem Gipfel wieder hinab ins Tal treiben zu lassen. Auf und ab. Immer wieder.

    Klar, dass einem die Zeit, in der die Wellen tobten, immer viel zu kurz vorkam und man hoffte, den nächsten Wellenbadbetrieb noch in der einen Stunde Badezeit unterzubringen. In der Zwischenzeit konnte man normal schwimmen. Bei Flaute sozusagen. Oder man zog sich ins Planschbecken zurück. Doch die Lust darauf ließ stark nach, nachdem mir meine Cousine mal erzählt hatte, die kleinen Kinder würden da ständig reinpullern. War eh Pillepalle.

    Nach drei  oder vier Wellenzeiten war der Spaß vorbei und man musste sich beeilen, rechtzeitig wieder an der Kachelbude zur Kartenkontrolle zu sein, um keine Überziehungsgebühren zahlen zu müssen. Meist ist es gut gegangen. Und wenn man dann müde und abgekämpft, aber glücklich wieder im Foyer stand und Mutter vorschlug, noch einen Milchshake auf der Besucherterasse zu trinken, dann war der Tag vollends gelungen.

    Das Wellenbad wurde 1966 eröffnet. Genauer gesagt am 6.6.66. 29 Jahre bot es kleinen und großen Wellenschwimmern Platz zum Austoben. Am 8. Oktober 1995 stellte es den Wellenbadbetrieb leider für immer ein. Wenig später wurde es abgerissen. Das Eisenknäuel, ein Kunstwerk von Norbert Kricke mit dem sinnigen Namen Platzender Wassertropfen, ziert heute auf der Kettwiger Straße den Düsselstrand.

    Platzender Wassertropfen

    Dort, wo früher das Wellenbad stand, befindet sich heute das Stilwerk.  Doch jedes Mal, wenn ich durch die Grünstraße laufe, höre ich noch immer die Stimme aus dem Lautsprecher:  

    Achtung, Achtung! In fünf Minuten beginnt der Wellenbadbetrieb.

    Wellenbad

    ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

    Quelle: Eigene Erinnerung und Stadtarchiv Düsseldorf, Peter Löhr 2011

    Der Text war bereits 2011 auf der crossmedialen Plattform OPINIO der Rheinischen Post als erster Teil (m)einer Schwimmbad Trilogie veröffentlicht.

    Teil 2: Wasserspiele
    Teil 3: Curriculum vitae natandi

  • Anführung

    Anführung

    Anführungszeichen bei wörtlicher Rede helfen in geschriebenem Text ungemein zuzuordnen, welcher handelnden Person welche Aussagen zugeschrieben werden können. Soweit so gut. Bei Hörbüchern greift der Vorleser gerne zum Kniff, mit verstellter Stimme zu reden.

    Leider ist vielen Menschen die Gabe der Stimmmodulation nicht mehr gegeben. Die Bandbreite ist zu eingeschränkt. Um dennoch den überlauten Unterhaltungen in Bahn, Einkaufszentrum oder Wartezimmer zu folgen, freut sich der unfreiwillige Zuhörer durch den Zusatz dieso,  derso oder ichso Orientierung in Dialogen wie dem gestrigen zu erhalten. 

    Dieso: Ey Alter! Ichso: Watt is, Bitch? Dieso: Hasse Mathe? Ichso: nää, voll nicht gerallt…

    Der Zusatz legt sich dabei um die folgenden Worte, und gilt so weit, bis der nächste Zusatz zum Einsatz kommt.  Dieso und ichso sind die neuen Gänsefüßchen

    Isso!

  • Revolution 9

    Revolution 9

    Ich habe meine alte Stereoanlage reaktiviert und die alten Platten aus dem Keller gekramt. Schallplatten waren früher bei uns zu Hause heilig, auf deren Oberfläche zu fassen ein Sakrileg. Immer nur am Rand, zwischen die Handflächen und dann mit Schwung drehen. Oder die Scheibe einhändig mit dem Zeigefinger auf dem Mitteletikett balanciert und mit dem Daumen am Rand stabilisiert, um sie wieder behutsam in die Schutzhülle gleiten zu lassen. Bloß keine Verunreinigung hinterlassen, die dann als Knistern den Musikgenuss stört.

    Eines Tages erfuhr Vater von einer sagenhaften Innovation. Mittels eines röhrenartigen Arms, der ganz ähnlich dem Tonabnehmer platziert wurde, benetzte eine Äthanol-haltigen Flüssigkeit während des Abspielens die schwarzen Rillen. Das ließ die Nadel auf einem hauchzarten Flüssigkeitsfilm gleiten und schuf so reinen Klang ohne Geknister – fast als ob Bach live im Wohnzimmer intoniert wurde oder die Beatles dort kratzerfrei aufspielten.

    Nicht nur Innovation – Revolution!

    White Album

    Allerdings war das Prozedere immer etwas umständlich und der kleine Behälter mit der Flüssigkeit sehr schnell leer. Spielte man dann die LP ohne Gleitfilm ab, waren die nach dem letzten Abspielen festgetrockneten Staubpartikel umso zahlreicher vorhanden und deutlicher zu hören. Tja. Nix ist umsonst. Aber seitdem ich großer Verfechter der Glaubensrichtung bin, dass nur das Knacken und Rauschen von alten Platten ein authentisches Musikerlebnis beschert, hat das White Album der Beatles heute Riesenspaß gebracht.

    Intro Revolution 9

    Interessant ist, dass nachdem das erste „Number 9“ erklingt, das Rauschen aufhört und man die restlichen 8 Minuten lang „Number 9“ knackfrei hört.

  • Küss‘ den Frosch!

    Küss‘ den Frosch!

    Das erste, was ich beim Betreten des Schulhofs sah, war der Frosch mit der Wanne vor dem Bauch. Dass das ein Brunnen sein sollte, habe ich erst viel später erfahren. Brunnen kannte ich nur von Frau Holle. In die konnte man reinfallen. In diesen Froschkönig nicht. Also traute ich mich, vorsichtig hinaufzuklettern. Ob der Frosch verwunschen ist, fragte ich mich und gab ihm instinktiv einen Kuss. 

    Ein zauberhaftes Wesen hob mich herunter. Es hatte Haut so weiß wie Schnee, Lippen rot wie Blut  und Haare schwarz wie Ebenholz. WOW! Der reinste Märchenhof hier. 

    Schneewittchen entpuppte sich als Fräulein Jänsch, die Klassenlehrerin. Sie war wunderhübsch, sprach melodisch und rollte dabei das R so schön. Sie brachte uns Lesen und Schreiben bei. 

    Ohne R, aber mit kleinem i – rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf. 

    Doch kaum war der Punkt gesetzt, ist Fräulein Jänsch auch schon wieder verwunschen – Verzeihung: verschwunden. Weggeküsst von einem anderen. Schwanger. So gemein. 

    Und wenn auch in der Folge Frau Bergmann ebenfalls sehr nett war, der Märchenzauber war verflogen.

    So könnten sie beginnen, meine Memoiren als Schüler. Eines mittelmäßigenSchülers, wenn ich kokettieren wollte. Aber die „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“ gibt es schon als Buch von Alexander Spoerl.

    Spoerls „Memoiren“ spielen zu großen Teilen ebenfalls in dieser Stadt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich bei der Lektüre immer diese, meine alte Grundschule vor Augen habe. Zeitlich liegt die Handlung allerdings vor dem Zweiten Weltkrieg. 

    Das Buch erschien bereits 1950, wurde mehrfach wieder aufgelegt und ist noch in Antiquariaten zu finden. Es beschreibt mit bemerkenswerter Leichtigkeit die eigene Art des Widerstands des Schülers Jakob van Tast in düsterster Zeit. Dringende Leseempfehlung.

    Eines Abends gab es wieder Erbsensuppe. Vati sagte: »Iß die Erbsensuppe. Vielleicht kommt Hitler dran, dann gibt es Krieg, und du wirst noch einmal froh um eine Erbsensuppe sein.« Denn ich mochte keine Erbsensuppe. Und deshalb mochte ich auch den Hitler nicht. In diesem Augenblick drang durch die Fenster Paukenschlag und Marschmusik und zog vorbei. Stiefel hallten über das Pflaster, und die Stiefel nahmen kein Ende, und heisere Kehlen schrien: »Deutschland erwache!« Es war aber schon zu spät, denn Hitler war schon an der Macht. 

    Ich war zur Haustür gelaufen und sah die vorüberziehenden Fackeln. Ich hatte nie Angst vor einem Menschen gehabt, auch nicht vor Vati, Lehrer oder Schutzmann. Denn mit ihnen ließ sich reden, und notfalls konnte man sie auch beschwindeln. Aber an mir vorbei bewegte sich eine Masse im gleichen Schritt und in gleicher Richtung und sah nicht danach aus, daß man mit ihr reden könnte; sie würden einen gar nicht hören, weil sie alle schrien, sie würden weitermarschieren, weil es befohlen ist, und unerbittlich singen…

    Auszug aus „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“
    Text zum Lauschen

    Weiterführende Links:

    Paul-Klee-Schule und Froschkönigbrunnen:

    Alexander Spoerl / Memoiren eines mittelmäßigen Schülers

    Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Memoiren.png

  • Ich wäre gern ein Gummibär

    Ich wäre gern ein Gummibär

    „Vielen Dank“ spricht Sven ins Mikrofon, schnallt sich die Gitarre um und setzt zu einem sechsachtel Zupfmuster an, das mich sofort einnimmt.

    Ich wäre gern ein Gummibär

    ertönt rau aber klar die erste Zeile und in die zweite stimmt die Frau neben mir passend ein:

    Da gibt’s die gelben und die roten, das sind alles Vollidioten

    Ich bin schockverliebt. In die Melodie, den Text und das Duett, das zu einem ganz zarten Chor im Publikum anschwillt. Gänsehautmoment.

    Die Poesie in den Liedern von Element of Crime ist zauberhaft und kam schon den gesamten Abend großartig rüber. Aber die Beschreibung dessen, was passiert, wenn es kalt und dunkel in Berlin wird, ist das i-Tüpfelchen eines großartigen Abends.

    Rot ist Curryketchup, Grün ist Steuerbord
    Trenn die Spreu vom Weizen und
    wirf den Weizen fort!
    Ich hab noch irgendwo ein warmes Bier zu steh’n
    Du kannst die Blumen damit gießen
    !

    Hach.

    gelb und rot