Wasserspiele


Schwimmen gehörte lange Zeit nicht zu den bevorzugten Varianten zur Erhaltung meiner Fitness. Schwimmbäder mit dem sterilen Charme der 50er Jahre, Chlorgeruch und vor allem zu kaltes Wasser haben zu dieser Abneigung geführt. Außerdem kann man als Kurzsichtiger ab einer gewissen Dioptrienstärke ohne Brille nichts mehr erkennen, irrt orientierungslos durch die gekachelten Flure und kann froh sein, nicht plötzlich in der Damendusche zu stehen. 

Wenn nun aber die bevorzugte Sportart notgedrungen für längere Zeit nicht mehr ausübbar ist, muss man sich nach Alternativen umschauen. Und wenn das örtliche Hallenbad fast vor der Haustür liegt, ist der Gedanke ans Schwimmen nicht fern. Die Wassertemperatur von 28°C senkt zusätzlich die Hemmschwelle. Der kindliche Spaß am Nass kommt langsam wieder zurück. 

Ganz famos ist aber für den eingangs erwähnten Kurzsichtigen der Einsatz einer Chlor- oder Schwimmbrille. Ist man bis zum Beckenrand noch fast blind und tastend unterwegs, bringt der erste Schwimmzug unter Wasser ein erstaunliches Aha-Erlebnis. Die Welt ringsum wird plötzlich schärfer. Chlorbrille und Wasser führen offenbar zu einer Art Korrektur der Fehlsichtigkeit. Jedenfalls erscheinen die Linien auf dem Grund des Schwimmbeckens in einer bislang nie erwarteten Klarheit. 

Und so wird insbesondere an sonnigen Herbsttagen, wenn man seine Bahnen zu der großen Panoramascheibe hin zieht, am blauen Himmel die Sonne auf die herbstlichen Blätter des angrenzenden Parks scheint und ihre Strahlen sich an der Wasseroberfläche brechen, der Schwimmbadbesuch zu einem wahren Naturereignis. 

Gesteigert wird dieser optische Genuss durch den eigenen Armzug. Der erzeugt Luftbläschen unter der Wasseroberfläche, die in der Sonne wunderbar glitzernd tanzen. 

Schön! 

Fortan geht das Auge weiter auf Entdeckungsreise. Weniger die mehr oder weniger attraktive Badebekleidung der Mitschwimmerinnen steigert dabei den Forschungsdrang als vielmehr dort links diese feine Schliere, die freischwebend im Becken ein beeindruckendes Spiel mit Licht und Farben liefert. Und da, beim nächsten Armzug halbrechts, dieser bersteinfarbene Partikel, hat der nicht etwas majestätisches, wie er so durchs Wasser treibt? 

Doch Moment! Schliere? Partikel? Wo kommen die her? Das wird doch wohl nicht der Schnodder dieses Wasserflohs sein, der vorhin in der Nachbarkabine so herzhaft nieste. Und ob die Farbe des Schwebeteilchens wirklich Bernstein ist oder nicht doch Hornhaut-Umbra, wer weiß das schon. 

Aber bevor die negativen Gedanken von mir Besitz ergreifen können und ich nach weiteren sinntrübenden Elementen suche, springt eine Badenixe vom Dreimeterbrett und erzeugt beim Eintauchen schräg vor mir eine wahre Explosion feiner Bläschen. Die schwirren im Sonnenlicht so ästhetisch umeinander, dass die Vorstellung von Fremdschwebekörpern schnell weiterzieht. 

Nur als ich nach der Wende den Kopf zum Luftholen seitlich aus dem Wasser drehe, da schwappt mir die Welle des entgegenkommenden Rückenkraulers in den Mund und ich überlege, ob der Mensch wohl als Partikelfilter taugt. 

Text: Peter Löhr, 2011
Foto & Motiv: Georg Neudecker 2021 

Der Text war bereits 2011 auf der crossmedialen Plattform OPINIO der Rheinischen Post als Teil 2 (m)einer Schwimmbad Trilogie veröffentlicht.

Teil 1: Grünstraße
Teil 3: Curriculum vitae natandi


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