Grünstraße

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~~~~~~ Achtung, Achtung! ~~~~~

~~~ In fünf Minuten beginnt ~~~ 
~~~ der Wellenbadbetrieb ~~~
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Lasst uns heute zur Grünstraße fahren!

Bei diesem Satz meiner Eltern hüpfte mein Herz. Denn Grünstraße war das Synonym für Wellenbad. Und Wellenbad war Abenteuer.

Dieses Schwimmbad zwischen Kö und Berliner Allee war was ganz Besonderes. Klar, vor allem wegen der Wellen, das sagt der Name ja schon. Aber auch sonst war der Besuch dieses Bades eine Reise durch die halbe Stadt wert.

Schon dieses dominante Knäuel aus Eisenstangen, das über dem Eingang hing, flößte Ehrfurcht ein. Auch wenn ich noch klein war und mit Kunst nichts am Hut hatte, ich spürte, dass es das Gebäude zu etwas Einzigartigem machte.

Noch bevor man für 1,20 DM die Eintrittskarte am Automaten zog, drang einem im Foyer  schon der typische Schwimmbadgeruch in die Nase, der (damals noch) die Vorfreude steigerte. Das kleine Stück starker Pappe ließ man dann bei der streng dreinschauenden Dame im weißen Kittel, die in einer gekachelten Bude saß, abstempeln und erhielt den Schlüssel für den Spind.

Treppe hoch, geschwind umgezogen und wuselflink ab durch die labyrinthähnlich angeordneten Gänge geschossen. Treppab-/treppauf, rechtsrum, linksrum, durch die Duschen, endlich in die große Halle.

Vorsichtig die breite Treppe Schritt für Schritt herunterkletternd, sah man das riesige Wellenbecken vor sich. Das war im vorderen Teil ganz flach, so dass sich die Wellen brechen konnten und langsam ausliefen. Da machte es besonderen Spaß, sich dicht an den Beckenrand zu setzen und die Gischt ins Gesicht klatschen zu lassen.

Demzufolge versammelten sich die kleineren Wasserraten „im Flachen“, so bald aus dem Lautsprecher die Stimme mit dem Satz erklang:

Achtung, Achtung! In fünf Minuten beginnt der Wellenbadbetrieb.

Fünf Minuten konnten lang sein. Und als sie endlich ‚rum waren und die Wellen zunächst sanft und in der Folge immer stärker anrollten, gab es kein Halten mehr. Ein Juchzen aus vielen Kehlen hallte durch die Halle.

Später, als man die Meriten eines Schwimmers, sogar in der Ausprägung Frei und Fahrten, erworben hatte, durfte man auch jenseits der roten Leine schwimmen, die Schwimmer von Nichtschwimmern trennte. Das war dann noch mal eine ganz andere Nummer. An die vier Meter tief war das Wasser dort. Das alleine war schon abenteuerlich, doch der Wellengang „im Tiefen“ steigerte dieses Gefühl noch einmal. Gejuchzt wurde hier weniger, um nicht zu viel Wasser zu schlucken, aber es wurde kräftig die Wellenberge hoch geschwommen, um sich auf dem Gipfel wieder hinab ins Tal treiben zu lassen. Auf und ab. Immer wieder.

Klar, dass einem die Zeit, in der die Wellen tobten, immer viel zu kurz vorkam und man hoffte, den nächsten Wellenbadbetrieb noch in der einen Stunde Badezeit unterzubringen. In der Zwischenzeit konnte man normal schwimmen. Bei Flaute sozusagen. Oder man zog sich ins Planschbecken zurück. Doch die Lust darauf ließ stark nach, nachdem mir meine Cousine mal erzählt hatte, die kleinen Kinder würden da ständig reinpullern. War eh Pillepalle.

Nach drei  oder vier Wellenzeiten war der Spaß vorbei und man musste sich beeilen, rechtzeitig wieder an der Kachelbude zur Kartenkontrolle zu sein, um keine Überziehungsgebühren zahlen zu müssen. Meist ist es gut gegangen. Und wenn man dann müde und abgekämpft, aber glücklich wieder im Foyer stand und Mutter vorschlug, noch einen Milchshake auf der Besucherterasse zu trinken, dann war der Tag vollends gelungen.

Das Wellenbad wurde 1966 eröffnet. Genauer gesagt am 6.6.66. 29 Jahre bot es kleinen und großen Wellenschwimmern Platz zum Austoben. Am 8. Oktober 1995 stellte es den Wellenbadbetrieb leider für immer ein. Wenig später wurde es abgerissen. Das Eisenknäuel, ein Kunstwerk von Norbert Kricke mit dem sinnigen Namen Platzender Wassertropfen, ziert heute auf der Kettwiger Straße den Düsselstrand.

Platzender Wassertropfen

Dort, wo früher das Wellenbad stand, befindet sich heute das Stilwerk.  Doch jedes Mal, wenn ich durch die Grünstraße laufe, höre ich noch immer die Stimme aus dem Lautsprecher:  

Achtung, Achtung! In fünf Minuten beginnt der Wellenbadbetrieb.

Wellenbad

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Quelle: Eigene Erinnerung und Stadtarchiv Düsseldorf, Peter Löhr 2011

Der Text war bereits 2011 auf der crossmedialen Plattform OPINIO der Rheinischen Post als erster Teil (m)einer Schwimmbad Trilogie veröffentlicht.

Teil 2: Wasserspiele
Teil 3: Curriculum vitae natandi

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