Der Weihnachtsmann in Nöten

auch genannt: „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste was es gibt auf der Welt.“

Es ist der erste Tag im Dezember und der Weihnachtsmann ist verzweifelt. Irgendwie kommt er nicht in Stimmung. Er hat vieles schon ausprobiert, aber nichts half wirklich. Nun versucht er es mit autogenem Training.

Um auf andere Gedanken zu kommen, geht er zu seinem Bücherregal und greift wahllos -und genau das sollte sich als folgenschwerer Fehler erweisen- eines der Bücher aus dem Regal.Wie es der Zufall -oder sollte ich besser schreiben der Teufel- so will greift er nach „ES“ jenem berühmt berüchtigten Buch von Stephen King. Nun, es hätte schlimmer kommen können, nur ein Buch weiter und er hätte das Necronomicon von H. P. Lovecraft erwischt.

Nachdem der Weihnachtsmann das Buch wie in einem Fieberrausch ausgelesen hat, fühlt er sich recht schlapp und unpässlich. So legt er sich wieder ins Bett und versucht zu schlafen.

Der Schlaf kommt, aber er kommt nicht alleine. Das autogene Training und Stephen Kings Prosa mischen sich in seinem Kopf zu einem gar fürchterlichen Albtraum.

Am nächsten Morgen wacht der Weihnachtsmann schweißgebadet auf.“…fröhlich, fröhlich, fröhlich …“ hallt es, einem Mantra gleich, durch seinen Kopf. Er erinnert sich von einem Weihnachtsmann mit kupferfarbenen Haaren geträumt zu haben und von einem Jungen, dem er nur eine kleine Lumpenpuppe schenken durfte, weil sonst irgendwas schreckliches mit Zahlen passiert wäre.

„So ein Unsinn“ grummelt der Weihnachtsmann.“…fröhlich, fröhlich, fröhlich …“

Noch immer hörte er diesen merkwürdigen Singsang.

Er schüttelt den Kopf.

„…fröhlich, fröhlich, fröhlich …“

Entschlossen geht er ins Badezimmer und schüttet sich zwei Hände kaltes Wasser ins Gesicht.

„…fröhlich, fröhlich, fröhlich …“

Erst jetzt realisiert er, dass die Stimmen gar nicht aus seinem Kopf sondern von irgendwo außerhalb kommen. Er stürmt aus dem Badezimmer hinaus auf den Gang und folgt den unerträglich fröhlichen Stimmen bis vor seine Werkstatt. Fuchsteufelswild reißt er die Tür auf und schreit:

Sofort herrscht Stille. Eine Heerschar von bastelnden Weihnachtsengeln starrt ihn mit schreckensweiten Augen fassungslos an.Einer der kleineren Engel lässt ein Kristallglas fallen, in welches er zuvor liebevoll die Worte „Für Vati“ eingraviert hat. Klirrend zerspringt das Glas auf dem harten Steinboden.

„Oh,“ meint der Weihnachtsmann, „euch hatte ich ja ganz vergessen.“ Dann räuspert er sich, befiehlt „Weitermachen!“ dreht sich um, verlässt die Werkstatt und knallt die Tür hinter sich zu.

Zaghaft und leise fangen die Weihnachtsengel wieder an zu frohlocken.

„…fröhlich, fröhlich, fröhlich …“

‚Ich muss wirklich etwas an meiner Laune tun,‘ denkt der Weihnachtsmann beschämt, fängt an zu grübeln und murmelt etwas später „Da hilft nichts, ich muss zum Schenker!“

Gedacht getan. Der Weihnachtsmann wünscht sich er wäre in der Altstadt eines bestimmten, gemütlichen, niederrheinischen Städtchens. Der Weihnachtsmann -gelernt ist halt gelernt- erfüllt sich diesen Wunsch sofort und steht alsbald vor einem alten Fachwerkhaus über dessen Tür -für die Menschen unsichtbar- in goldenen Lettern die Worte „Schenke zum Schenker“ leuchten.

Er betritt die Gaststube und blickt in die Runde. Es ist noch nicht viel losl. Eine Hand voll leicht beschwipster Feen feiert an einem großen Tisch in der Mitte des Raumes das 1250 jährige Bestehen ihrer Selbsthilfegruppe. Unerkannt sitzen hier und da zufrieden lächelnde anonyme Schenker in dunklen Ecken. Etwas abseits zeigt Sankt Martin gerade der Zahnfee wie er seinen Mantel zerteilt. Die Zahnfee schaut ihm mit schmachtenden Augen aufmerksam zu.

… und, an der Bar sitzt Hazy der Osterhase.

Erleichtert den guten alten Freund anzutreffen eilt der Weihnachtsmann auf ihn zu, legt ihm so von hinten freundschaftlich den Arm um die Schulter und raunt ihm ins Ohr: „Lang nicht mehr gesehen Hazy. Wie geht’s dir denn so?“

Freudestrahlend springt Hazy auf und umarmt seinen lieben Freund. „Wie soll’s schon gehen, Weihny. Hab zur Zeit wenig zu tuen. Aber sag wie geht’s dir? Du siehst ein wenig blass um die Nase aus. Zuviel Weihnachtsstress?“

Der Weihnachtsmann wendet sich dem Barmann zu und meint: „Ich wünschte Hazy und ich hätten zwei Humpen von eurem herrlich würzigen, dunklen Weihnachtsstarkbier.“ Kurze Zeit später schenkt ihnen der Barmann das Gewünschte.

Die Freunde nehmen einen kräftigen Schluck von dem süffigen, würzigen Gebräu.

Dann fängt Weihny der Weihnachtsmann an zu reden und erzählt seinem Freund vom autogenem Training bis hin zu seinem Ausraster in der Weihnachtswerkstatt alles was ihm in der letzten Zeit widerfahren ist.

Hazy ist ein guter Zuhörer und das liegt nicht allein an seinen langen Ohren. Er unterbricht seinen Freund nicht mit Worten wie „Ach, ja, das kenne ich!“ oder „Oh, Mann, mir ging es mal viel, viel schlechter als dir.“ Nein, Hazy hört zu, nickt verständig, fragt nach, wenn er etwas nicht versteht und fordert seinen Freund auf weiter zu sprechen, wenn dieser ins Stocken gerät.

So redet sich der Weihnachtsmann seinen Kummer von der Seele, bis er zu diesem entscheidenden Punkt kommt, wo ihm von selber klar wird, was ihn die ganze Zeit im Innersten wirklich bedrückt hat.

Stockend gesteht er seinem Freund Hazy:

„Ohjeh,“ meint Hazy, nachdem sie eine Weile gemeinsam freundschaftlich geschwiegen und gegrübelt haben. „Das ist eine wirklich schlimme Sache!“ Aber weißt du, ich glaube es ist gar nicht so wichtig, dass die Menschen an dich glauben. Viel, viel wichtiger ist es, dass du an dich selber glaubst.“Der Weihnachtsmann grübelt über die Worte seines Freundes nach und ihm wir zusehends leichter ums Herz. Er klopft dem Osterhasen auf den Rücken und meint „Vielleicht hast du ja wirklich recht.“

Sie trinken ihren Humpen Weihnachtsbier gemächlich aus, lächeln sich dabei einander zu und schweigen verstehend, so wie es nur wirkliche Freunde miteinander können.

Der innere Frust des Weihnachtsmanns wird nach und nach durch Tatendrang ersetzt und so sagt er schließlich zu seinem Freund Hazy: „Danke, du hast mir sehr geholfen. Ich muss jetzt aber wieder an die Arbeit. Es gibt sooo viel zu tu’n. Lass es dir gut gehen und komm mich doch bald mal besuchen.“

Die zwei Freunde umarmen sich herzlich zum Abschied.

Der Weihnachtmann verlässt die Schenke. Es ist schon Nacht. Tief atmet er die kalte frische Winterluft ein und sagt:

„Ich bin der Weihnachtsmann!“

Dann holt er noch einmal tief Luft und brüllt aus vollem Herzen:

„UND ICH BIN FRÖHLICH!“

 

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