Küss‘ den Frosch!

Das erste, was ich beim Betreten des Schulhofs sah, war der Frosch mit der Wanne vor dem Bauch. Dass das ein Brunnen sein sollte, habe ich erst viel später erfahren. Brunnen kannte ich nur von Frau Holle. In die konnte man reinfallen. In diesen Froschkönig nicht. Also traute ich mich, vorsichtig hinaufzuklettern. Ob der Frosch verwunschen ist, fragte ich mich und gab ihm instinktiv einen Kuss. 

Ein zauberhaftes Wesen hob mich herunter. Es hatte Haut so weiß wie Schnee, Lippen rot wie Blut  und Haare schwarz wie Ebenholz. WOW! Der reinste Märchenhof hier. 

Schneewittchen entpuppte sich als Fräulein Jänsch, die Klassenlehrerin. Sie war wunderhübsch, sprach melodisch und rollte dabei das R so schön. Sie brachte uns Lesen und Schreiben bei. 

Ohne R, aber mit kleinem i – rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf. 

Doch kaum war der Punkt gesetzt, ist Fräulein Jänsch auch schon wieder verwunschen – Verzeihung: verschwunden. Weggeküsst von einem anderen. Schwanger. So gemein. 

Und wenn auch in der Folge Frau Bergmann ebenfalls sehr nett war, der Märchenzauber war verflogen.

So könnten sie beginnen, meine Memoiren als Schüler. Eines mittelmäßigenSchülers, wenn ich kokettieren wollte. Aber die „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“ gibt es schon als Buch von Alexander Spoerl.

Spoerls „Memoiren“ spielen zu großen Teilen ebenfalls in dieser Stadt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich bei der Lektüre immer diese, meine alte Grundschule vor Augen habe. Zeitlich liegt die Handlung allerdings vor dem Zweiten Weltkrieg. 

Das Buch erschien bereits 1950, wurde mehrfach wieder aufgelegt und ist noch in Antiquariaten zu finden. Es beschreibt mit bemerkenswerter Leichtigkeit die eigene Art des Widerstands des Schülers Jakob van Tast in düsterster Zeit. Dringende Leseempfehlung.

Eines Abends gab es wieder Erbsensuppe. Vati sagte: »Iß die Erbsensuppe. Vielleicht kommt Hitler dran, dann gibt es Krieg, und du wirst noch einmal froh um eine Erbsensuppe sein.« Denn ich mochte keine Erbsensuppe. Und deshalb mochte ich auch den Hitler nicht. In diesem Augenblick drang durch die Fenster Paukenschlag und Marschmusik und zog vorbei. Stiefel hallten über das Pflaster, und die Stiefel nahmen kein Ende, und heisere Kehlen schrien: »Deutschland erwache!« Es war aber schon zu spät, denn Hitler war schon an der Macht. 

Ich war zur Haustür gelaufen und sah die vorüberziehenden Fackeln. Ich hatte nie Angst vor einem Menschen gehabt, auch nicht vor Vati, Lehrer oder Schutzmann. Denn mit ihnen ließ sich reden, und notfalls konnte man sie auch beschwindeln. Aber an mir vorbei bewegte sich eine Masse im gleichen Schritt und in gleicher Richtung und sah nicht danach aus, daß man mit ihr reden könnte; sie würden einen gar nicht hören, weil sie alle schrien, sie würden weitermarschieren, weil es befohlen ist, und unerbittlich singen…

Auszug aus „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers
Text zum Lauschen

Weiterführende Links:

Paul-Klee-Schule und Froschkönigbrunnen:

Alexander Spoerl / Memoiren eines mittelmäßigen Schülers

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Memoiren.png

Dieser Beitrag wurde unter getextet veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.