Der Prinz von Homburg

Prinz von Homburg Kleist Prinz von Homburg

Oder wie ich mal den Job der Großmutter meiner Kinder übernahm, ohne Eintrittskarte ins Theater kam und auch noch Szenenapplaus provozierte.

Aus gegebenem Anlass

Was schenkt man seinen Eltern zu Weihnachten? Kleinkindern fällt die Antwort nicht schwer. Die basteln zuhauf Tischdeckchen im Kindergarten, töpfern schiefe Vasen in der Vorschule oder gestalten mit Serviettentechnik Übertöpfe. Später folgen Strumpfhosen und Rasierwasser, Rotwein und Topflappen. Aber mit zunehmendem Alter nehmen die Ideen ab und guter Rat wird teuer.

Standen die Eltern früher nicht auf Kultur? Da wäre doch ein Kulturabo der Stein der Weisen. Gesagt, getan und schon lag ein bunter Mix aus Oper, Boulevard und Schauspielhaus unterm Tannenbaum. Die Colorado-Tüte des Kulturvereins, sozusagen.

Leider stand Mutter nach zwei gefühlten Reinfällen doch nicht mehr auf Theater und sie weigerte sich, die ihr eines Januars erneut zugeteilte Karte wahrzunehmen. Also sprang ich ein, um Vater zu begleiten. Kleists Prinz Friedrich von Homburg stand auf dem Plan.

Ich bot Vater an, ihn abzuholen, was er dankend annahm. Und so erwartete er mich schon mit Schirm, Hut und Mantel vor der Haustür, als ich um die Ecke bog. Da es ein ausgesprochen milder Januar war und ich vorhatte, in der Tiefgarage des Schauspielhauses zu parken, hatte ich auf Hut, Schirm und vor allem Mantel verzichtet. In einem der seltenen Momente im Leben, in denen Väter die guten Ideen ihrer Söhne übernehmen, entschloss sich Vater, seinen Mantel ebenfalls zurück in den Schrank zu hängen.

Kurzer Abschied von Mutter und los ging die 20-minütige Fahrt zur Kultur in die große Stadt. Vater und ich unterhielten uns über dies und das. Eingeflochten in den Small-Talk kam dann die Frage auf, wo wir denn unsere Plätze hätten. Vorne, Mitte, hinten, rechts, links?

Wie in Zeitlupe nahm ich wahr, dass Vater in seinen Jackentaschen nach den Karten suchte. Erst links, dann rechts. Und ich spürte, wie bei jedem Fehlgriff etwas mehr Farbe aus seinem Gesicht wich. Hektisch klopfte er sein Jackett ab. (Als ob man dünne Theater-Tickets so ertasten könnte.) Ich fuhr rechts ran. Die Karten steckten nicht in der Jacke sondern im Mantel. Und der hing im Schrank.

Also aktivierte ich mein Handy, das ich als guter Kulturgänger vorsorglich schon abgeschaltet hatte, und rief Mutter an. Die bestätigte den Verdacht. Aber wären wir zurück gefahren, hätten wir es nicht mehr rechtzeitig zum Vorstellungsbeginn geschafft. Wir entschieden uns zur Flucht nach vorn und es gelang uns tatsächlich durch gutes Zureden an der Kasse glaubhaft zu machen, dass wir als Abonnenten durchaus für die Vorstellung bezahlt hatten.

Uns Einlass zu gewähren, fiel den Verantwortlichen auch nicht weiter schwer, war doch der Zuschauerraum gerade mal zu einem Drittel besetzt. Das sprach nicht unbedingt für große Vorschusslorbeeren. Und dieser Eindruck bestätigte sich während der Vorstellung. Das Bühnenbild, äußerst spartanisch, war ganz in Schwarz gehalten. Alle Schauspieler trugen weiße Oberhemden respektive Blusen zu schwarzen Hosen und lediglich ein übergroßes, schwenkbares, quadratisches Eisengestänge von mehreren Metern Seitenlänge bot einen Blickfang. Der Rest war Konzentration auf den Text. Und der wurde anstrengend angestrengt vorgetragen.

Ein kurzer Blick nach links verriet, dass mein Vater langsam ins Reich der Träume hinüberglitt. Stupser in die Seite.

„Schläfst Du?“
Ein kurzes Hochschrecken.
„Nö, wieso?“

Und schon gaben die Augenlider wieder der Schwerkraft nach. Ist auch OK. Hören reicht. Zu sehen gab’s ja nichts. Einsam in der siebten Reihe sitzend, wirkten Vater und ich wie Waldorf und Stadler, als plötzlich die piepsige Melodie der Muppet-Show den düsteren Monolog des am Bühnenrand sitzenden Prinzen jäh unterbrach.

Ich werde aus meinen abschweifenden Gedanken gerissen.
„Was für’n Idiot hat denn da sein Handy angelassen. Und der hat auch noch denselben Klingelton wie ich, den ich mir letztens mühsam selber zusammengestellt habe. So ein Zufall. Und der muss hier irgendwo ganz in der Nähe sitzen, so laut wie das ist,“ denke ich so bei mir, während die Melodie gerade zur zweiten Schleife einsetzt.

„AAhhhh!!! das ist dein Telefon,“ schießt es mir durch den Kopf. Ich hatte es nicht wieder ausgestellt, nachdem wir Mutter vorhin anriefen. Und jetzt hat sich das Scheißteil im Innenfutter verheddert. Schweißperlen traten auf die Stirn, um sich zu einem Rinnsal zu vereinen. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich des Telefons dann doch noch habhaft und riss entnervt den Akku aus dem Gehäuse.

Endlich ist es still in diesem großen, dunklen, ehrwürdigen Saal. Ich habe das Gefühl, dass mich alle Anwesenden anschauen – trotz der Dunkelheit. Ich möchte, dass sich der Theaterboden auftut, damit ich darin versinken kann. Aber solcherlei technische Vorrichtungen gibt es leider nur auf der Bühne. Und mitten in diese Totenstille sagt der Prinz am Bühnenrand mit aller Verachtung, die er in seine Stimme legen kann:

D A N K E !

Applaus brandet auf! Es sollte der einzige an diesem Abend bleiben, wenn man mal vom höflichen Schlussapplaus absieht. Bei Licht betrachtet auch kein schlechtes Ergebnis für eine grottige Aufführung. Und ich war fast die Hauptperson!

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Zum Mithören, -singen, tanzen!

 

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