Zeitmaschine

Frittenbude Frittenbude Frittenbude

Speisenkarte zum Dritten.

Es war Eintauchen in die Zeit, wobei die Zeitmaschine weder wie ein Schlitten1 aussah, noch sich wie eine psychedelische Spirale in einer Röhre2 drehte. Sie war auch kein DeLorean3. Sie war eine Frittenbude, und zwar die gegenüber der evangelischne Kirche, in die ich seit 35 Jahren keinen Fuß mehr gesetzt hatte. Früher hatten wir dort unser Abendessen geholt, wenn die Zeit zum Kochen für Mutter mal zu knapp war. Oder wir einfach Lust drauf hatten. Heute Abend, als der Zufall uns alle kurzfristig zu Haise versammelte, war es die Kombination aus beidem.

Der Zeitsprung vollzog sich beim Durchschreiten der Eingangstüre mit dem zeitgleichen Blick auf die Oberschränke. Es wirkte damals ungemein fortschrittlich, das Angebot der Speisen mit schwarzen Buchstaben auf das weiße Milchglas der Schranktüren zu kleben und diese von hinten zu beleuchten. (1000 mal besser jedenfalls als blöde vergilbte Steckbuchstaben in schwarzen Rillen wie bei der Bude am Bunker.)

Es war damals schon beeindruckend, wie akkurat die Buchstaben und Ziffern geklebt waren. Wie mit der Maschine geschrieben und nicht wie von Hand gesetzt, ließen die angepriesenen Gerichte das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und musste mal eine Speise geändert werden, wurden die Buchstaben sanft abgehobelt und neu geklebt. Offenbar ließ sich diese Prozedur jedoch nicht unendlich oft durchführen, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Und so kam es im Laufe der Jahre wohl, dass besonders die sich ständig ändernde Preisspalte mittlerweile durch eine schwarze Folie ersetzt wurde, auf der die Preise nun mit Kreide notiert werden.

Aber dass die Speisenkarte im Kern auch heute noch denselben Inhalt hat wie damals, trieb mir doch die Tränen in die Augen. Oder lag das eher an der mit Zwiebelduft geschwängerten, fettigen Luft, gegen die sich der Frittenbudenwirt mit einer Art Taucherbrille schützte? Der Anblick war jedenfalls grotesk. Großartig grotesk unter der Speisenkarte.

Und großartig zeitlos war auch die Kommunikation. Ein Besucher kam aus dem Gastraum und fragte, ob er sich Getränke selber aus dem Kühlschrank, der vor der Theke stand, nehmen dürfe. „Bier, ja!“ war die Antwort. Der Gast wollte Bier. Glück gehabt. Meine Grübeleien, ob denn der Wirt um die Theke gelaufen wäre, um den Leuten Kakao persönlich in die Hand zu drücken, wenn ihnen mehr der Sinn danach gestanden hätte, oder nach einer stinknormalen Cola, wurden durch ein stetig anschwellendes Gemurmel unterbrochen.

Mein Hintermann diskutierte mit sich selbst, ob er heute eine Currywurst mit doppelt Pommes rotweiß nehmen solle oder doch besser ein Gyros. Offenbar stand ihm mehr der Sinn nach Zweiterem, aber taktische Überlegungen den weiteren Verlauf des Abends, insbesondere die Pläne für sein weibliches Date betreffend, stürzten ihn in ein schwer lösbares Dilemma. „Liebe geht durch den Magen“, gab ich noch als Tipp. „Damals wie heute.“ Dann nahm ich meine Bestellung entgegen. Der Schritt nach draußen katapultierte mich zurück ins Hier und Jetzt.
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1 vgl. H.G. Wells, Die Zeitmaschine, Spielfilm
2 vgl. Time Tunnel, TV-Serie
3 vgl. Zurück in die Zukunft, Spielfilm

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